04. Februar 2012 13:53 Uhr
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Gelnhäuser Tageblatt

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"Orlando furioso" für nur drei Euro

20.05.2010 - FRANKFURT

Der Kulturpass ermöglicht den günstigen Besuch von Theatern und Museen für Menschen am Existenzminimum

Xenia von Polier . Seit Dezember 2008 vergibt der Verein "Kultur für ALLE" den Kulturpass an Menschen, die Leistungen nach Hartz IV, Hilfe zum Lebensunterhalt oder eine Grundsicherungsrente erhalten. Auch Asylbewerber und Obdachlose bekommen die Karte. Anders als in anderen deutschen Städten, sollen sich in Frankfurt die Menschen, die am Existenzminimum leben, den Besuch kultureller Veranstaltungen leisten können.

Manfred Zapp hockt nicht ständig vor der Glotze und guckt Talk-Shows, wie Hartz-IV-Empfängern manchmal nachgesagt wird. Seine Abende verbringt der 55-jährige Mann lieber in der Oper. "Am Sonntagabend war ich in "Orlando Furioso" von Antonio Vivaldi", erzählt Zapp. Der Mann mit den kurzen braunen Haaren sitzt in einem Café neben dem Frankfurter Dom und rührt im Milchkaffee. "44 Euro hätte der reguläre Eintritt gekostet", meint Zapp. "Mit dem Kulturpass musste ich nur drei Euro zahlen. Das ist schon toll." Inzwischen besitzen etwa 2500 Frankfurter einen solchen Pass.

82000 Hartz-IV-Empfänger gibt es derzeit in Frankfurt. "Inzwischen sind auch viele Menschen aus der Mittelschicht von der Arbeitslosigkeit betroffen", sagt Götz Wörner, der Initiator des Projekts. "Wir wollen erreichen, dass alle Menschen Zugang zur Kultur haben."

Chagall auf der RückseiteDie kleine Kulturpass-Karte von Manfred Zapp macht auch optisch was her. Auf der Rückseite ist das im Frankfurter Schauspiel beheimatete Chagall-Gemälde "Commedia dell´Arte" zu sehen: Artisten bauen eine Pyramide, eine Frau mit Pferdekopf spielt Cello und vor dem Publikum tanzt ein Clown. "Im Chagall-Saal, in dem ich gestern Abend saß, konnte ich das Original sehen. Das Bild hat eine besondere Leichtigkeit und Frische. Es öffnet Horizonte", sagt Zapp begeistert. Zapp hat dafür einen Blick: Er hat visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert und arbeitet als selbstständiger Grafikdesigner. Seit einiger Zeit reicht sein Einkommen nicht mehr, um davon zu leben. Dass er sich durch den Kulturpass trotzdem den Zugang zum kulturellen Leben behält, ist für ihn besonders wichtig. "Farbkompositionen und Musik geben mir neue Inspirationen", sagt Zapp.

Die Idee zum Kulturpass entstand aus der Not: Initiator Wörner ist seit einiger Zeit selbst Hartz IV-Empfänger. 25 Jahre lang arbeitete Wörner in der Musikindustrie. Dann musste er mit seinem Unternehmen Privatinsolvenz anmelden. Überleben kann man als Arbeitsloser in Frankfurt - wenn man zum Beispiel bei der "Frankfurter Tafel" zum Essen geht. "Nur kulturelle Veranstaltungen waren zu teuer", sagt Wörner. Er nutzte seine Marketing- und PR-Kenntnisse und warb bei Unternehmen, Vereinen und Organisationen um Unterstützung. Mittlerweile machen 150 Anbieter beim Kulturpass mit.

Für einen EuroFür einen Euro bekommen die Kulturpass-Inhaber Tickets für die meisten Museen. Neuerdings gehören auch die Städtischen Bühnen dazu. Drei Euro kostet der Eintritt ins Theater - Hin- und Rückfahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr sind dabei inbegriffen. Inzwischen gibt es sogar eine Kooperation mit einem Weinstand auf dem Erzeugermarkt am Wochenende an der Konstablerwache. Zwei Weine werden an Kulturpass-Inhaber für einen Euro pro Flasche verkauft.

Bis Ende dieses Jahres will Wörner 200 Veranstalter ins Boot holen und die Anzahl der Ausgabestellen in der Stadt ausweiten. "Theoretisch können andere Städte das Konzept und die Struktur übernehmen", sagt Wörner. Er träumt davon, eines Tages eine bundesweite Vereinigung zu schaffen. "Jeder sollte an Kultur teilnehmen", sagt Wörner. "Sie ermutigt und gibt Impulse für neue Projekte."

Noch lieber als die fast kostenlose Teilnahme an der Kultur wäre Manfred Zapp allerdings ein besseres Einkommen. "Ich wäre froh, wenn ich wieder genug verdienen würde, um den normalen Preis bezahlen zu können", meint er.

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