Können Karstadt-Mitarbeiter aufatmen?
09.06.2010 - GIESSEN
Von Klaus Röther
Investor unterzeichnet Kaufvertrag nur mit Bedingungen - Miete soll gesenkt werden - Belegschaft zunächst erleichtert
GIESSEN. Belegschaft und Geschäftsführung des Gießener Karstadt-Warenhauses atmeten gestern zunächst auf - endlich hatte die Ungewissheit ein Ende. Der Gläubigerausschuss hatte nach einer langen Pokerpartie der Bieter dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen (48) den Zuschlag für den Kauf der insolventen Kaufhauskette erteilt. Aber der Kauf hat noch einen Haken.
Berggruen hat den Kaufvertrag gestern zwar schon unterzeichnet - aber nur unter der Bedingung, dass das Vermieterkonsortium Highstreet die Miete für den überwiegenden Teil der Karstadt-Gebäude noch senkt. Der Immoblienfonds Highstreet hatte selbst für Karstadt geboten.
„Grundsätzlich ist bei den Mitarbeitern eine große Erleichterung zu verzeichnen“, sagte noch gestern Mittag der Gießener Filialleiter Lothar Schmidt. „Den Beschäftigten ist ein schwerer Stein vom Herzen gefallen“, sagte der Karstadt-Chef gestern dem Anzeiger. Aber man müsse abwarten, „bis die Tinte unter dem Kaufvertrag trocken ist“. Nun scheint die Rettung der Kaufhauskette doch noch nicht sicher.
Die Neuordnung des Karstadt-Sortiments, die Investor Berggruen schon grundsätzlich angekündigt hatte, sollte nach Ansicht des Gießener Filialleiters auch „die Bevölkerungsentwicklung in Rechnung stellen“. Denn die Zahl der über 35-Jährigen wachse stetig.
„Wichtig ist“, so betonte Lothar Schmidt beim Blick in eine bessere Karstadt-Zukunft, „dass wir ein Sortiment für die breite Bevölkerung anbieten“, nicht zuletzt im Bekleidungssegment. „Für spezielle Premiumartikel gibt es zu wenig Kunden. Wer einen Anzug für über 500 Euro kaufen will, geht doch eher gleich ins Fachgeschäft.“
Der Gießener Karstadt-Chef ist zuversichtlich, dass Investor Berggruen auf eine nachhaltige Weiterentwicklung der Warenhauskette setzt und darin nicht nur ein kurzfristiges Spekulationsobjekt sieht - wenn denn der Kauf tatsächlich rechtskräftig wird.
Schmidt: „Berggruen will natürlich beweisen, dass sein Geschäftsmodell erfolgreich ist.“ Kenner der internationalen Investorenszene sagen Berggruen tatsächlich nach, dass er seine Projekte „mit viel Herzblut“ betreibe.
Möglicherweise pokert der Investor in letzter Minute, um unter allen Umständen niedrigere Mieten zu erreichen - oder doch noch Zugeständnisse von den Mitarbeitern. Im übrigen hatte Berggruen bereits während des Bieterwettbewerbs die Senkung der Warenhausmieten gefordert.
Filialleiter Lothar Schmidt lag gestern viel daran, seinen rund 500 Mitarbeitern, „die im Jahr der Insolvenz alles gegeben haben“, und den vielen Kunden zu danken, die dem Warenhaus im Seltersweg die Treue hielten. Der Karstadt-Chef geht zudem davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten mit Berggruen als Käufer „stabil bleibt“.
„Wir sehen den Zuschlag für Berggruen grundsätzlich positiv - die bisherigen Sinale sind gut“, unterstrich der Karstadt-Betriebsratsvorsitzende Ernst-Günther Haas. Nun wartet er aber ab, „bis die Verträge wirklich in trockenen Tüchern sind“. Das Konzept, das Berggruen dem Gläubigerausschuss vorgelegt habe, „zeigt jedoch, dass er das Unternehmen langfristig erhalten will“.