"Weniger Bürokratie und mehr Zeit für Patienten"
07.04.2010 - MAIN-KINZIG
GT-Interview mit Dr. Andreas Schneider über die ärztliche Versorgung im Kreis und die Arbeit des Ärztenetzes Spessart
(as/kh). Aktuelle Perspektiven und Entwicklungen in der Gesundheitspolitik stehen im Mittelpunkt einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Gute Gesundheitspolitik in der Zukunft", zu der der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Peter Tauber alle interessierten Bürgerinnen und Bürger am heutigen Mittwoch, 20 Uhr, nach Gelnhausen einlädt. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn, wird in der Caféteria der Main-Kinzig-Kliniken zu Gast sein. Gemeinsam mit verschiedenen Vertretern der Ärzteschaft, der Krankenkassen und der Kliniken diskutiert der Bundestagsabgeordnete zum Thema. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach das Tageblatt mit Dr. Andreas Schneider, Frauenarzt in Bad Orb, über die ärztliche Versorgung im Kreis und die Arbeit der Ärztenetz Spessart eG. Schneider bildet gemeinsam mit dem Allgemeinarzt Dr. Ulrich Dehmer den Vorstand des Ärztenetzes.
GT: Wie dramatisch stellen sich die Mängel in der ärztlichen Versorgung des ländlichen Raumes derzeit dar? Dr. Andreas Schneider: Im Main-Kinzig-Kreis ist eine bedrohliche Entwicklung schon Alltag. So ist bereits in Flörsbachtal, Jossgrund oder Sinntal eine hausärztliche Unterversorgung festzustellen. Die Vorboten der Bevölkerungsentwicklung sind in diesen und anderen Orten nicht mehr zu übersehen. Wie soll denn die 85-jährige Patientin aus Pfaffenhausen - ohne fremde Hilfe - zum Hausarzt nach Bad Orb kommen?
Wo liegen die Hauptgründe für die Probleme? Schneider: Immer mehr älteren Menschen - was ja zu begrüßen ist - stehen immer weniger jüngere, berufstätige Menschen gegenüber. Und wenn in den nächsten Jahren die Generation der heute 55- bis 65-jährigen Kollegen ihre Praxen abgibt, gibt es zu wenig medizinischen Nachwuchs, der zudem bereit wäre, das wirtschaftliche Risiko auf sich zu nehmen und sich auf dem Land niederzulassen.
Reicht eine Neueinteilung des Versorgungsgebietes im Main-Kinzig-Kreis aus? Der Kreistag hat statt einem großen mindestens vier kleine Gebiete im Main-Kinzig-Kreis gefordert.Schneider: Das ist ein sinnvoller Vorschlag, der allerdings erst noch von der Kassenärztlichen Vereinigung umgesetzt werden muss. Dadurch würden Kassensitze zum Beispiel von Steinau nicht nach Hanau "verschwinden". Insgesamt aber muss der Beruf des niedergelassenen Arztes wieder attraktiver werden: Weniger Bürokratie, mehr Zeit für den Patienten und ein wirtschaftlich kalkulierbares Risiko.
Wie kann die Besetzung altersbedingt frei werdender Praxen sichergestellt werden?Schneider: Das Ärztenetz Spessart übernimmt Verantwortung in der Mitgestaltung der künftigen ambulanten Versorgung, indem wir Anreize schaffen für den Nachweis durch verschiedene Kooperationen innerhalb des Netzes. Und wir müssen - gemeinsam mit den Kreiskliniken - junge Ärzte für die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin gewinnen, das heißt sie von Frankfurt in unseren Landkreis holen und dann attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen bieten, damit sie auch hier bleiben.