Gut besuchte Bürgerversammlung im Oberndorfer Bürgerhaus befasst sich mit demographischer Entwicklung der Region
(bis). "Der Jossgrund im Wandel - Veränderung der Bevölkerungsstruktur und die Folgen", dieses Thema interessierte zahlreiche Jossgründer, die der Vorsitzende der Gemeindevertretung, Lothar Röder, am Mittwochabend zur Bürgerversammlung im Oberndorfer Rathaus begrüßen konnte.
Diplom-Geografin Birgit Imelli von der "Hessenagentur", einer Gesellschaft zur regionalen Wirtschaftsförderung des Landes Hessen und Dr. André Kavai, Kreisbeigeordneter des Main-Kinzig-Kreises, referierten zu diesem Thema, die Moderation übernahm Uwe Amrhein, Geschäftsführer der Stifung "Bürgermut". Das Thema der Bürgerversammlung geht zurück auf einen Antrag der Fraktionen von FWG und SPD, der im Frühjahr 2008 an die Gemeindevertretung gestellt wurde.
Mit dem demografischen Wandel habe man sich bereits in der Nachkriegszeit beschäftigt, berichtete André Kavai. Doch im Zuge der deutschen Einheit seien die Gespräche wieder verpufft. Erst in den 1990er Jahren habe man die Diskussion darüber intensiver begonnen. Birgit Imelli zeigte anhand einer Grafik die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung in Hessen bis zum Jahr 2030. Demnach verliere Nordhessen die größte Zahl der Bevölkerung. Der Vogelsbergkreis würde etwa 16000 Einwohner und der Werra-Meißner-Kreis 24000 Einwohner verlieren. Stabil seien hingegen die Zahlen im Süden. Im Umland der großen Städte Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt würde man Einwohner hinzugewinnen, doch je mehr man sich von den großen Städten entferne, desto größer schwinde die Bevölkerungszahl.
Bürgermeister Rainer Schreiber erläuterte die Prognosen für den Jossgrund. In den letzten zehn Jahren habe die Gemeinde etwa 200 Einwohner verloren. In Zusammenarbeit mit dem Verband "Spessart regional" hat man ein Leerstandskataster erarbeitet, anhand dessen das Gemeindeoberhaupt die Entwicklung in den einzelnen Ortsteilen demonstrierte. Uwe Amrhein bat die Teilnehmer, Gründe zu nennen, die sie zur "Landflucht" bewegen würden. Zur Sprache kamen der öffentliche Nahverkehr, die unzureichende medizinische Versorgung und Kinderbetreuung, das Fehlen von ortsnahen Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und Steuereinnahmen für die Gemeinde sowie unzureichende Betreuung und fehlende kulturelle Angebote für ältere Mitbürger.
Thematisiert wurde auch die Schülerbeförderung. Wie "Salzheringe" stünden die Schüler in den Bussen, hieß es. Weder Schulleitungen, Polizei noch die Busunternehmen hätten jemals etwas gegen den Zustand unternommen. "Wie wir mit den Kindern und Jugendlichen umgehen, wird sich irgendwann rächen", warnte einer der Gäste. Wichtig sei auch ein interessantes Freizeitangebot für junge Leute und ein gepflegter Ort, denn das negative Bild eines unbewohnten Hauses übertrage sich auf andere Gebäude. Außerdem spüre man den vorhandenen Gemeinsinn der Bürger, ein wertvolles Image, das man durchaus nach außen tragen könne, so die Expertin. Man müsse nur ergänzen, was vorhanden sei und aufgreifen, was man in den nächsten Jahren brauche. Die Politik sei gefordert, innovative und kreative Ideen sowie bürgerschaftliches Engagement zu unterstützen, betonte Kavai. Ein Umdenken sei angebracht, da die ganze Wachstumsphilosophie der letzten Jahrzehnte nicht aufgegangen sei. Jedoch dürfe man nicht erwarten, dass man den Geldhahn immer weiter aufdrehen kann, so Kavai.
"Ideenschmiede", "Zukunftswerkstatt" und "Cleveres Gebäudemanagement" sind Schlagworte, nach denen Politik und Bürgerschaft nun gefordert sind, partnerschaftlich intelligent zusammen zu arbeiten und negativen Trends entgegenzuwirken. Trotz des Spagats zwischen "Was brauchen wir - was können wir uns noch leisten", dürfe man die Entwicklung nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance wahrnehmen, so der Rathauschef, der am Ende über die finanzielle Situation und geplante Projekte informierte.