04. Februar 2012 14:07 Uhr
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Gelnhäuser Tageblatt

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Gelnhausen 

Freiheit, Abenteuer und nicht von Bildung deformiert

09.09.2010 - GELNHAUSEN

Was uns Tom Sawyer und Huck Finn heute noch sagen - Mark-Twain-Abend am Grimmels

(aju). Auch hundert Jahre nach seinem Tod ziehen seine berühmtesten Werke unzählige Leser, ob jung oder alt, in ihren Bann: Am 21. April 1910 verstarb Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain, im Alter von 75 Jahren in Redding, Conneticut. Ein literarischer Abend im Kulturkeller des Grimmelshausen-Gymnasium erinnerte an den amerikanischen Schriftsteller.

Unter Leitung von Professor Doktor Helmbrecht Breinig, Professor für amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, erlebte das Publikum eine Wiederbegegnung mit dem großen Autoren und seinen viel gelesenen Werken „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ und „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“. Die Gesprächsrunde, bestehend aus Breinig, Paul Ciupka, Christa Heck und Ursula Frey, eröffnete den Abend mit der Betonung, dass es sich nicht um ein „einstudiertes, literarisches Quartett“ handele, sondern viel mehr um eine besondere Form des Gesprächs, ergänzt durch szenische Lesungen dreier Mitglieder der Theater AG: In drei ausgesuchten Sequenzen liehen Sophia Müller, Adrian Hauptmeier und Paul Schneider den Romanfiguren Tom Sawyer, Huckleberry Finn und Jim ihre Stimmen.

Die erste Szene: Der kranke Tom Sawyer bekommt von seiner Tante Polly ein scheußlich schmeckendes „Wundermittel“ verabreicht, der Pollys Kater damit füttert, worauf das Tier durch die Wohnung rast und Purzelbäume schlägt - Polly sieht ein, dass Tom diese Medizin nicht mehr nehmen muss... Angeregt durch diese unterhaltsame Szene, diskutierten die Teilnehmer über den von Twain verwendeten Slapstick-Humor und die bemerkenswerte Aktualität der Texte. „Er reizt uns nach wie vor zum Lachen“, kommentierte Ursula Frey. Es sei vor allem die Qualität der Bücher, die sie so zeitlos werden lasse, bemerkte Paul Ciupka, der Twains „brillantes Einfühlungsvermögen in die Psyche von Kindern und Jugendlichen“ betonte. Somit sei es jugendlichen Lesern möglich, sich mit den Romanfiguren zu identifizieren, während das hohe Niveau der Erkenntnis Twains Romane für Erwachsene besonders interessant mache. „Die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer macht die Aktualität aus! Solange es eine Gesellschaft gibt, die mit Pflichten und Zwängen verbunden ist, solange bleibt ein Roman, in dem es um einen Jungen geht, der den Zwängen entfliehen will, aktuell“, fügte Ursula Frey an. Für Christa Heck war es vor allem der sprachliche Stil, der Twain zu einem „man of all time“ mache. Auf Professor Dr. Breinigs Frage, ob es sich bei Twain eher um einen Jugend- oder Erwachsenenschriftsteller handele, antwortete Ursula Frey: „Er ist beides“. Ursprünglich für Erwachsene gedacht, sei die Vielzahl der verwendeten Genres (Liebe, Abenteuer sowie auch Horror) auch für Jugendliche sehr interessant.

Bei der zweiten szenischen Lesung handelte es sich um eine Passage aus Twains „Abenteuer des Huckleberry Finn“: Huck spielt dem besorgten Jim einen üblen Streich - und entschuldigt sich dafür. „Twain nutzt diese Szene, um eine Charakterentwicklung und -offenbarung zu zeigen“, leitete Prof. Dr. Breinig das Gespräch ein. Dank seines gesunden Herzens sei es Huck möglich, etwas zu tun, wozu die damalige Gesellschaft nicht fähig war, so Urusla Frey. Er habe den schwarzen Sklaven Jim als gleichwertigen Menschen behandelt, in dem er sich bei ihm entschuldigt hatte. Des Weiteren sprach Christa Heck erneut die Leistung der Sprache an, die den Roman für sie besonders auszeichne: Huck habe eine außergewöhnliche Gabe, zu erzählen, da er nicht „durch Bildung deformiert“ sei. „Twain hatte ein ungeheuer feines Ohr für Soziolekte“ (Gruppensprachen), so Ciupka, was den Roman zu einem sprachlichen Kunstwerk mache. Hucks Hinwegsetzung über die geltende Moral wurde in der letzten Szene deutlich, in der sich Huck mit dem Satz „Na gut, dann komm ich eben in die Hölle!“ endgültig gegen die von der Gesellschaft aufgestellten Regeln - und für seinen Freund Jim entscheidet.

Kein inszeniertes Literatur-Quartett (v.l.): Paul Ciupka, Christa Heck, Ursula Frey und Professor Dr. Helmbrecht Breinig.	Foto: Jurecko

Kein inszeniertes Literatur-Quartett (v.l.): Paul Ciupka, Christa Heck, Ursula Frey und Professor Dr. Helmbrecht Breinig. Foto: JureckoVergrößern

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