"Zwei einmalige Ausstellungen erster Güte"
12.04.2010 - BRACHTTAL
Museums- und Geschichtsverein zeigt im Brachttal-Museum Wächtersbacher Steingut der 20-er Jahre und historische Postkarten aus der Region
(an). Zu Recht sprach Ulrich Berting, der kommissarische Vorsitzende des Museums- und Geschichtsvereins Brachttal, gestern von "zwei einmaligen Ausstellungen erster Güte". Das Interesse war so groß, dass nicht alle Gäste der Eröffnung einen Sitzplatz bekamen.
Im Ausstellungsraum im Erdgeschoss haben die Helfer des Vereins bereits die vierte Sonderausstellung zum Thema "Waechtersbacher Keramik" zusammengestellt. Diesmal lautet das Thema "Wächtersbacher Steingut - Die Zwanziger Jahre". Im Nebenraum konnte erstmals die "neue" Küche besichtigt werden, eine Originaleinrichtung aus dem Jahr 1925, die unter dem Namen "Gerda" in der ehemaligen Möbelfabrik Eisenhammer hergestellt wurde. Und der Ausstellungsraum im ersten Stock beherbergt ab sofort die Sonderausstellung "Der Main-Kinzig-Kreis in historischen Ansichten um 1900". Bei soviel geballten Sehenswürdigkeiten dürfte der Museums- und Geschichtsverein in den kommenden Monaten stets ein volles Haus haben. Bereits gestern kamen die Besucher aus einem weiteren Umkreis bis aus Limburg oder Gießen.
Ulrich Berting begrüßte die Gäste und dankte zunächst Vereinsmitglied Herbert Fischer, der für die Postkartenausstellung verantwortlich zeichnet. 160 Farblithographien mit Motiven aus den Altkreisen Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern hat er in den Vitrinen arrangiert, Motive aus 100 verschiedenen Ortschaften sind zu sehen. Stolz berichtete Berting, dass Herbert Fischer vor kurzem in die britische königliche Gesellschaft der Philatelisten aufgenommen wurde.
Dann kam Ulrich Berting auf die Küche zu sprechen. Der Gemeinde und insbesondere Bürgermeister Mirko Schütte sei zu danken. Ohne sein schnelles Handeln wäre die Einrichtung an einen Wiesbadener Antiquitätenhändler gegangen. 1925 habe der Schlierbacher Lehrer Henkel diese Küche für rund 1000 Reichsmark gekauft und sie seiner Tochter Elli zur Hochzeit mit Wilhelm Kern geschenkt. Die Gemeinde kaufte sie im vergangenen Jahr, der Ulmbacher Schreinermeister Peter Schmidt restaurierte sie fachmännisch - und nun hat das Schmuckstück samt passendem Keramikzubehör seinen neuen Platz in der Museumsküche gefunden.
Die Wächtersbacher Steingutfabrik, kurz "WST", habe ihre Produkte fast immer dem Zeitgeist angepasst, fuhr Berting fort. Das zeige sich auch in der neuen Ausstellung, die den Übergang vom Jugendstil zum Art Déco dokumentiert. Aus 600 Stücken sei eine Auswahl von 290 getroffen worden, die nun in den Vitrinen ihre Pracht entfalten. 24 private und öffentliche Sammlungen seien daran beteiligt. Besonders sei Markus Schüssler zu danken, der maßgeblich am Zustandekommen der Ausstellung mitgewirkt und auch das dazugehörige Plakat entworfen habe. Berting wies auch auf "das 291. Exponat" hin, das die Form eines Schweines habe. Mit Gaben, die man dort hineinsteckt, könne man die Arbeit des Vereins unterstützen.
"Die Anwesenheit so vieler Menschen ist die größte Anerkennung für die Aktiven", sagte Bürgermeister Mirko Schütte in seinem Grußwort. Beim Thema "Museum" habe in den Gremien der Gemeinde immer große Einigkeit geherrscht, Heimatgeschichte zu bewahren, sei existenziell. Der Bürgermeister freute sich über die Vielfalt der Ausstellungen, es werde immer wieder etwas Neues geboten.
Kreisbeigeordnete Sigrid Schindler, zugleich Gründungsmitglied des Museums- und Geschichtsvereins, bekannte, dass ihr Herzblut an der Waechtersbacher Keramik und am Brachttal-Museum hänge. Und mit der Küche verbinde sie sehr viel, denn Elli Kern sei ihre Nachbarin gewesen. Diese Küche sei schon als Kind etwas Besonderes für sie gewesen. Sigrid Schindler überreichte Ulrich Berting einen Becher aus Könitz-Porzellan, den Motive des Jugendstilkünstlers Professor Olbrich zieren, der auch für "Waechtersbacher" tätig war.
Anschließend machte Ulrich Berting mit den Gästen einen Rundgang durch die Ausstellung. Die zeigten sich beeindruckt, sind unter den Exponaten doch auch zahlreiche aus der Kunstabteilung der Fabrik zu finden. Der Name "Professor Eduard Schweitzer" steht dabei im Mittelpunkt. Er hatte nach dem Tod des Jugendstilkünstlers Christian Neureuther die Kunstabteilung der Schlierbacher Keramikfabrik fortgeführt.