Grabung zur Erkundung der Kapelle beginnt am Montag
03.07.2010 - BÜDINGEN
Bauzeitpunkt dürfte sich nun klären lassen - Baustelle läuft ganz normal weiter
(ten). Ein unscheinbarer Sandsteinblock, der am Rande der Baugrube liegt, ist das erste Stück der Herrgottskapelle, das nach Jahrhunderten wieder an das Tageslicht kommt. Am Donnerstag fanden die Bauarbeiter im Zuge der Kanalsanierung in der Bahnhofstraße die Ecke des verschollenen Gotteshauses.
Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Herrgottskapelle erstmals urkundlich erwähnt. Allerdings vermutete Hans-Velten Heuson, der die Kirche in mehreren Aufsätzen, die in den Büdinger Geschichtsblättern veröffentlicht wurden, beschrieben hat, dass sie früher gebaut wurde. Diese Frage dürfte sich jetzt klären lassen.
Denn bereits in den vergangenen Tagen hatte Walter Gasche, der die Bauarbeiten überwacht, um archäologische Befunde rechtzeitig zu erkennen, einige angespitzte Holzpfähle gefunden. Auch unter dem Sandstein, der die Ecke der Herrgottskapelle bildete, fand Frank Lorscheider, der die archäologische Grabung an der Herrgottskapelle durchführt, einen angespitzten Holzpflock und weitere Holzstücke. Anhand der Jahresringe in diesen Holzstücken dürfte sich das Gründungsdatum der Kirche sehr genau bestimmen lassen.
Warum gewissermaßen auf halbem Weg zwischen Remigius- und Marienkirche ein weiteres Gotteshaus gebaut wurde, ist unklar. Eine wichtige Bedeutung erhielt die Herrgottskapelle durch den Sebastianaltar. Dieser dem Schutzpatron der Schützen geweihte Altar entwickelte sich zum Zentrum einer besonderen Verehrung. In Büdingen entstand die Bruderschaft des Heiligen Sebastian, der viele Bürger angehörten. Die Herrgottskapelle wurde zu einem Wallfahrtsort für Schützen aus weitem Umkreis.
Nachdem die Herrgottskapelle um 1500 durch Graf Ludwig II. nochmals ausgebaut und prachtvoll ausgestattet wurde, wie es in den Quellen heißt, verlor sie in den folgenden Jahrzehnten im Zuge der Reformation ihre Bedeutung. 1565 beginnen die Abbrucharbeiten, 1570 wird der Dachstuhl abgebaut. Wie viele Gebäude diente die Herrgottskapelle als Lieferant für Baumaterial.
1888 wurden beim Bau der Wasserleitung in der Bahnhofstraße Särge gefunden, die an die untergegangene Kapelle erinnerten. Der genaue Standort wurde erstmals 1950 wieder sichtbar. Damals baute die Offenbacher Lederwarenfabrik das Geschäftshaus, in dem sich heute Leder Müller befindet. Peter Nies, Karl Heuson und sein Sohn Hans-Velten ergruben und dokumentierten die südlichen Reste der Kirche.
"Wir wussten, dass hier ein Bodendenkmal drin ist", erklärt auch der Kreisarchäologe Jörg Lindenthal in Erinnerung an die Grabung in den 50er Jahren. Deshalb bedeute die Wiederentdeckung der Herrgottskapelle auch keine Bauverzögerung. "Die Baustelle läuft ganz normal weiter, die überspringen uns", beschreibt Lindenthal, dass der Kanalbau hinter der Fundstelle fortgesetzt wird. Erst nach der Grabung werden die beiden Rohrabschnitte an der Fundstelle verbunden.
"Das ist meine Philosophie als Kreisarchäologe, den berühmten Baustopp gibt es eigentlich nicht", wendet er sich gegen Unkenrufe, durch die Grabung an der Herrgottskapelle werde sich die Baustelle verzögern. Selbst in Berstadt, wo bei der Erschließung eines Baugebiets ein bedeutendes merowingisches Gräberfeld gefunden wurde, habe man eine Lösung gefunden, welche die Bauarbeiten möglichst wenig beeinträchtigt habe. "Wenn man in Dialog tritt, dann kann man das auch ohne Behinderung abwickeln", versucht Lindenthal Bauherren die Angst vor den Archäologen zu nehmen.
Tine Göllner, die in der Stadtverwaltung für den Umbau der Bahnhofstraße zuständig ist, sieht den Fund der Herrgottskapelle eher als Bereicherung. Beobachten schon jetzt viele Bürger die Bauarbeiten, dürfte die archäologische Grabung noch mehr Interesse finden. Durch entsprechende Dokumente an der Baustelle möchte sie die Arbeiten und die Herrgottskapelle für die Betrachter erschließen.