(ten). Der Leiter der Beruflichen Schule Büdingen, Rudolf Freisinger, möchte die Schüler nicht nur auf das Arbeitsleben vorbereiten. Er versteht die Schule auch als Bildungseinrichtung. Dieser Auffassung trugen die Lehrer der Fachoberschule (FOS), Melanie Fellinger und Ursula Rogalla, sowie des Bäckereihandwerks und der Verkäuferklassen, Astrid Kassel und Dirk Müller, mit dem zweiten Aktionstag "Fair Trade" Rechnung. Der englische Begriff bedeutet übersetzt "gerechter Handel" und umschreibt die Idee, dass Produzenten in Entwicklungs- und Schwellenländern einen angemessenen Preis für ihre Rohstoffe und Nahrungsmittel bekommen. So verschieben sich die Gewinne aus den Industriestaaten, wo die Produkte veredelt und vermarktet werden, in die Herkunftsländer, wo das Geld nicht nur hilft, die Armut zu bekämpfen, sondern auch dabei, die Entwicklung fördern.
Die Schüler lernten diese gesellschaftspolitischen Hintergründe jedoch nicht anhand vorgefertigter Unterrichtsmaterialien kennen, denn die Fachlehrer verknüpften das Thema mit dem normalen Lehrplan. So näherten sich die FOS-Schüler, die sich gewöhnlich mit Verwaltung und Wirtschaft beschäftigen, während des Englischunterrichts in Arbeitsgruppen dem "Fair Trade" an. Das Ergebnis wurden im Internet und auf Schautafeln im Foyer der Schule festgehalten, auf denen die Vorteile des fairen Handels für die Produzenten, dessen Geschichte, verschiedene Projekte sowie Rezepte vorgestellt wurden. In Faltblättern wurden die Informationen zusammengefasst. So konnten die Schüler ihre Englischkenntnisse praktisch anwenden.
Marcus Schmidt, Schüler der Klasse 12 FOS 2, erzählte, dass er erst über das Projekt die Fair-Trade-Problematik kennen gelernt habe. "Die gehen alle nicht selbst einkaufen", erklärt Fellinger, warum die Schüler wenig Kontakt zu Produkten hätten. "Ich habe ihnen einen Film gezeigt über Kakaoanbau", berichtete die Lehrerin. "Das war schockierend." Die billigen Preise importierter Lebensmittel würden erst durch Kinderarbeit möglich.
Noch stärker an der Berufspraxis orientierten sich die Aufgaben der Bäcker und Verkäufer. Mit Zutaten, die aus fairem Handel oder ökologischem Anbau stammten und von Lebensmittelmärkten zur Verfügung gestellt wurden, entwickelten die Berufsschüler verschiedene Rezepte. In einer Arbeitsgruppe wurde nach einer Verkostung entschieden, welche Speisen verkauft werden sollen.
Dabei gab es auch überraschende Erfahrungen, wie bei einem Reis-Kaffee-Kuchen. "Der hat wie Pappe geschmeckt", berichtete der angehende Bäcker Philipp Matthes. Doch nicht nur der persönliche Geschmack, sondern auch die Chancen bei den späteren Kunden entschieden über die Auswahl. Außerdem wurde der Preis berücksichtigt.
Für jedes Produkt wurde nicht nur ein relativ günstiger Verkaufspreis für das schulische Umfeld festgesetzt. Die Schüler errechneten auch, welchen Preis sie für die einzelnen Speisen bei unternehmerischer Kalkulation verlangen müssten. So hätten die Omeletts, die für 1,50 Euro verkauft wurden, rund fünf Euro kosten müssen. Ob die Brownies, amerikanische Schokoladenkekse, die zum Preis von einem Euro schon in der ersten Pause nahezu ausverkauft waren, auch für den eigentlich erforderlichen Preis von 6,65 Euro den gleichen Absatz gefunden hätten, darf bezweifelt werden.
So erfuhren die Schüler direkt an der Verkaufstheke etwas über das Dilemma des fairen Handels. Oftmals sind die geringen Produktpreise nur durch die niedrigen Löhne bei der Herstellung möglich. Fellinger wies darauf hin: "Wenn man ein bisschen guckt, kann man durchaus erschwingliche Fair-Trade-Produkte kaufen." So koste eine Tafel Schokolade in einem Markt 1,09 Euro, während ein anderer Markt wenige Kilometer weiter für die gleiche Tafel 1,79 Euro verlange.